Laboratory Test Tubes; from a medical laboratory in Abuja, Nigeria

Kreatininwert nach Alter: Was sich ab 40 und über 70 ändert

Aktualisiert am 29.09.2026 · Lesezeit 6 Min.

Stand: September 2026 · geprüft von der Redaktion

Kurzantwort: Der Kreatininwert im Blut ändert sich mit dem Alter kaum: Ein Referenzkollektiv mit enzymatischer Messung fand zwischen 20 und 60 Jahren keine Altersabhängigkeit, und das Universitätsklinikum Ulm schreibt, dass die Konzentration mit steigendem Alter nahezu unverändert bleibt, obwohl die Filtrationsleistung der Niere abnimmt. Der Grund ist die schrumpfende Muskelmasse. Die DEGAM-Leitlinie nennt eine Abnahme der Nierenleistung um 1 bis 2 ml/min/1,73 m² pro Jahr nach dem 40. Lebensjahr als physiologisch. In der Berliner BIS-Studie hatte fast die Hälfte der über 70-Jährigen eine gemessene Filtrationsrate unter 60. Bei älteren Menschen sagt der Kreatininwert allein deshalb wenig; entscheidend ist die daraus berechnete eGFR.

Wichtig: Dieser Text ersetzt kein ärztliches Gespräch und ist keine Diagnose. Ein einzelner Laborwert sagt für sich genommen wenig; deine Ärztin ordnet ihn ein. Bei stark verminderter Urinmenge, rasch zunehmenden Wassereinlagerungen in den Beinen, Atemnot oder Verwirrtheit gehe sofort zur Ärztin oder in die Notaufnahme. Eine Flüssigkeitsansammlung in der Lunge ist laut dem Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums ein medizinischer Notfall.

Tabellen mit Kreatininwerten „nach Alter“ gibt es im Netz viele, meist ohne Quelle. Die
belegbare Antwort lautet: Der Wert selbst altert kaum, seine Bedeutung schon. Die Angaben in
diesem Text stammen aus der DEGAM-Leitlinie zur chronischen
Nierenkrankheit (Version 2.0, Stand Juni 2024), aus der Berliner Initiative Studie der Charité,
aus dem Leistungsverzeichnis des Universitätsklinikums Ulm und aus einer Referenzwertstudie mit
enzymatischer Messung.

Warum der Kreatininwert im Alter kaum steigt

Kreatinin ist ein Abbauprodukt des Muskelstoffwechsels und wird laut Universitätsklinikum Ulm
in Abhängigkeit von der Muskelmasse in ziemlich konstanter Rate gebildet. Das Ulmer
Laborverzeichnis sagt: Mit steigendem Alter bleibt die Plasmakreatinin-Konzentration nahezu
unverändert, obwohl die Filtrationsrate abnimmt; der Grund ist die abnehmende Muskelmasse. Eine Referenzwertstudie
aus Gießen mit 250 Frauen und 215 Männern zwischen 18 und 70 Jahren fand mit enzymatischer
Messung in den Gruppen von 20 bis 60 Jahren keine Abhängigkeit vom Alter, wohl aber einen
deutlichen Unterschied zwischen Frauen und Männern.

Deshalb gibt das Universitätsklinikum Ulm für Erwachsene einen Bereich ohne Altersstufen an:
45 bis 84 µmol/l für Frauen und 59 bis 104 µmol/l für Männer im Plasma, umgerechnet etwa 0,5 bis
0,95 und 0,67 bis 1,18 mg/dl. Die Gießener Studie empfahl 44 bis 80 µmol/l für Frauen und 44 bis
97 µmol/l für Männer. Andere Labore nennen andere Zahlen; maßgeblich ist der Bereich auf deinem eigenen Befund.

Was mit der Nierenleistung ab 40 passiert

Die DEGAM-Leitlinie beschreibt die Abnahme der Nierenfunktion im Laufe des Lebens als
Kombination aus Alterung und Krankheiten, die mit dem Alter häufiger werden. Eine Abnahme um 1 bis 2 ml/min/1,73 m² pro Jahr nach dem 40. Lebensjahr gilt
als physiologisch normal. Weil die Stadieneinteilung der Nierenfunktion nach KDIGO keine
Altersanpassung vorsieht, steigt der Anteil der Menschen mit einem Stadium ab G3 auf 24 bis 34
Prozent bei den über 65-Jährigen und auf bis zu 40 bis 50 Prozent bei den über 85-Jährigen. In
deutschen Hausarztpraxen lag der Anteil in den höchsten Altersklassen bei bis zu 80 Prozent,
mehr als die Hälfte davon im leichten Stadium G3a.

Kreatininwert über 70 Jahre: die Berliner Studie

Die Berliner Initiative Studie (BIS) der Charité untersuchte 610 Menschen ab 70 Jahren,
Durchschnittsalter 78,5 Jahre, und maß die Nierenfunktion direkt über die Ausscheidung des
Kontrastmittels Iohexol. 47,9 Prozent hatten eine gemessene Filtrationsrate unter 60 ml/min/1,73 m². Die bis
dahin üblichen Schätzformeln überschätzten die Nierenfunktion älterer Menschen erheblich. Die Forschenden
entwickelten deshalb zwei eigene Formeln, BIS1 aus Kreatinin und BIS2 aus Kreatinin und Cystatin
C, und empfehlen sie für Menschen ab 70.

Warum die eGFR mehr sagt und trotzdem täuschen kann

Labore berechnen aus Kreatinin, Alter und Geschlecht die geschätzte glomeruläre
Filtrationsrate, kurz eGFR. Die DEGAM-Leitlinie empfiehlt dafür die CKD-EPI-Formel von 2021 und
verweist als Praxistipp auf den Rechner unter nierenrechner.de. Die Formel hat Grenzen, die die Leitlinie in einer Tabelle auflistet: sehr hohes
Alter, sehr viel oder sehr wenig Muskelmasse, starkes Übergewicht oder Auszehrung, Amputationen,
eiweißreiche Ernährung, Ödeme, Schwangerschaft und Medikamente wie Trimethoprim, Cimetidin oder
Fibrate. Dann kann Cystatin C gemessen werden; es hängt weniger von Muskelmasse ab, ist aber
teurer und in der Hausarztpraxis unüblich.

Wann ein Wert im Alter als Krankheit gilt

Eine chronische Nierenkrankheit liegt nach der Leitlinie vor, wenn die eGFR unter 60
ml/min/1,73 m² liegt, die Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin erhöht ist oder strukturelle
Veränderungen bestehen, jeweils über mehr als drei Monate. Bei einer erstmals gemessenen eGFR
unter 60 soll nach drei Monaten erneut gemessen werden, dazu Albumin im Urin und Blutdruck. Die Leitlinie hält fest, dass ein relevanter Teil der Menschen, die nach diesen
Maßstäben eine chronische Nierenkrankheit haben, wahrscheinlich keine Krankheit hat, und dass
die Abgrenzung von physiologischen Altersprozessen Angst, Stigmatisierung und überflüssige
Untersuchungen vermeiden soll. Ein Wert über 70 Jahren wird deshalb zusammen mit Albumin im
Urin, Blutdruck und Verlauf beurteilt.

Was den Wert kurzfristig verschiebt

Laut Universitätsklinikum Ulm sind bei Nierengesunden Werte über dem Referenzbereich
möglich, wenn sie schwere körperliche Arbeit verrichten oder kurz zuvor viel Fleisch gegessen
haben; beim Kochen wird das Kreatin im Fleisch zu Kreatinin. Bei langfristig Bettlägerigen ist der Wert dagegen so
niedrig, dass selbst eine deutliche Einschränkung der Niere im Referenzbereich bleiben kann. Metamizol, Paracetamol und N-Acetylcystein können laut Ulm zu falsch
niedrigen Ergebnissen führen; die Blutentnahme soll vor der Einnahme erfolgen.

Häufige Fragen

Gibt es eine Kreatinin-Tabelle nach Alter?

Für Erwachsene geben das Universitätsklinikum Ulm und die Gießener Referenzwertstudie Bereiche ohne Altersstufen an, weil der Wert zwischen 20 und 60 Jahren nicht vom Alter abhängt. Altersgestaffelte Tabellen im Netz sind meist unbelegt.

Welcher Kreatininwert ist mit 70 Jahren normal?

Der Referenzbereich ist derselbe wie mit 40. Ob die Niere normal arbeitet, zeigt erst die eGFR; laut BIS-Studie liegt sie bei fast der Hälfte der über 70-Jährigen unter 60.

Warum sinkt die eGFR im Alter, obwohl Kreatinin gleich bleibt?

Weil die Formel das Alter einrechnet. Die DEGAM-Leitlinie nennt eine Abnahme um 1 bis 2 ml/min/1,73 m² pro Jahr nach dem 40. Lebensjahr als physiologisch.

Ist eine eGFR von 55 mit 80 Jahren eine Nierenkrankheit?

Nach den Kriterien ja, wenn der Wert nach drei Monaten bestätigt wird. Die Leitlinie betont aber, dass ein relevanter Teil dieser Menschen wahrscheinlich keine Krankheit hat und die Beurteilung Albumin im Urin und Verlauf einschließt.

Was ist die BIS-Formel?

Eine Schätzformel für Menschen ab 70 aus der Berliner Initiative Studie. BIS1 nutzt Kreatinin, BIS2 zusätzlich Cystatin C.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Von Sebastian Reil, Redaktion gesundheitscenter.net. Studienlage und Grenzen der Evidenz werden im Text benannt.


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